Aktuelle Programme

2026

Media vita in morte sumus

Nicolas Gombert (* um 1495 † um 1560)
Media vita in morte sumus

Orlando di Lasso (1532 – 1594)
Psalmus Poenitentialis II
Beati quorum remissæ sunt iniquitates

Antonio Lotti (1667 – 1740)
Missa pro defunctis à 4 voci
– Introitus (Requiem aeternam)
– Kyrie
– Dies irae
– Offertorium
– Sanctus
– Benedictus
– Agnus Dei 

 

Media vita in morte sumus

Das programmatische Fundament ruht auf einer der eindringlichsten Wahrheiten der christlichen Liturgie: „Media vita in morte sumus“ – Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Die drei ausgewählten Meisterwerke aus der Renaissance und dem Barock spannen einen Bogen von tiefer, existentieller Klage über die zerknirschte Bitte um Vergebung bis hin zur tröstlichen Gewissheit des ewigen Friedens. Sie zeigen, wie Komponisten über Jahrhunderte hinweg der menschlichen Vergänglichkeit eine musikalische Stimme verliehen haben.

Den Auftakt bildet die sechsstimmige Motette von Nicolas Gombert (ca. 1495–1560) Media vita in morte sumus. Gombert, ein Schüler Josquin Desprez’, war berühmt für seinen dichten, ununterbrochen fließenden polyphonen Stil. In seiner Vertonung der berühmten gregorianischen Antiphon verzichtet er fast vollständig auf Pausen oder musikalische Ruhepunkte. Die Stimmen verweben sich in einem dichten, unaufhaltsamen Kontrapunkt. Diese musikalische Struktur spiegelt die Unausweichlichkeit des Todes wider, der den Menschen mitten im irdischen Dasein ereilen kann. Gomberts Musik schafft eine dichte, fast meditative Atmosphäre, die den Hörer unmittelbar in die existentiellste aller Fragen hineinzieht.

Auf die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit folgt der Weg der inneren Umkehr. Orlando di Lasso (1532–1594) schuf mit seinen Septem Psalmi Davidis Poenitentiales (Sieben Bußpsalmen) einen Meilenstein der europäischen Musikgeschichte. Der Psalmus II (nach biblischer Zählung Psalm 32/31) beginnt mit den Worten: „Wohl dem, dem die Missetat vergeben ist, dem die Sünde bedeckt ist.“Lasso erweist sich hier als unübertroffener Meister der Wortausdeutung. Er zeichnet das seelische Leid des Sünders, das Verstummen vor Gott und die Last der Schuld mit einem plastischen ausdrucksvollen Chorsatz nach.

Den Abschluss und Höhepunkt des Programms bildet Missa pro defunctis von Antonio Lotti (1667–1740). Als langjähriger Organist und Kapellmeister am venezianischen Markusdom schuf er diese Totenmesse ganz im Geiste des stile antico. Nach den vielstimmigen Komplexitäten der Renaissance-Meister Gombert und Lasso führt uns Lotti zurück zu einer edlen, vierstimmigen Schlichtheit. Lotti kopiert die Vergangenheit jedoch nicht bloß. Unter der strengen, kontrapunktischen Oberfläche, die sich an Palestrina orientiert, bricht immer wieder eine barocke, hochemotionale Harmonik hervor. Durch kühne Dissonanzen, chromatische Wendungen und dichte Stimmführung verleiht er dem liturgischen Text eine zeitlose, spirituelle Tiefe. Besonders in der gewaltigen Sequenz des Dies irae changiert die Musik meisterhaft zwischen dem furchterregenden Zittern vor dem Jüngsten Gericht und dem flehentlichen Ruf nach Barmherzigkeit. Lottis Missa pro defunctis führt uns vor Augen, dass auf die Klage (Gombert) und die Buße (Lasso) die endgültige Ruhe folgen darf. Es ist kein theatralisches Trauerspiel, sondern ein Werk von intimer Ernsthaftigkeit, das den Hörer mit einer kunstvoll geflochtenen, harmonischen Klarheit und spendendem Trost entlässt.

 

 

 

2025/2026

„…denn dein Licht kommt!“

Chormusik der deutschen Romantik
zu Advent und Weihnachten

mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, 
Heinrich von Herzogenberg, Albert Becker,
Richard Bartmuß, Max Gulbins u.a.

Dieses Weihnachtsprogramm des Berliner Vokalkreises widmet sich der festlichen Chormusik der deutschen Romantik für Advent und Weihnachten. Die Epoche der Romantik, die im 19. Jahrhundert zur Blüte gelangte, brachte eine Fülle geistlicher Chormusik hervor, die bis heute durch ihren warmen Klang, ihre Ausdruckskraft und ihre innige Verbindung von Text und Musik berührt. Im Zentrum stehen Werke, die das adventliche Warten, die Verheißung des kommenden Lichts und die Freude über die Geburt Christi zum Klingen bringen.
David Hermann Engel eröffnet das Programm mit der bekannten Motette Machet die Tore weit, die seit ihrer Entstehung fester Bestandteil des Adventsrepertoires ist. Johann Christian Weeber und Arnold Mendelssohn greifen in ihren Kompositionen ebenfalls die adventliche Erwartung des Königs auf. Heinrich von Herzogenberg, einer der bedeutendsten protestantischen Kirchenkomponisten der Romantik, ist mit mehreren eindrucksvollen Stücken vertreten, darunter Das Volk, so im Finstern wandelt, Freue dich, du Tochter Zion sowie sein Weihnachtslied aus op. 28.
Auch Albert Becker, ein zu seiner Zeit hochgeschätzter Komponist und Dirigent, steuert mehrere Motetten bei, die mit ihrer dichten Harmonik und der feierlichen Klangsprache die ganze Wärme romantischer Chormusik entfalten. Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen geistliche Musik bis heute eine zentrale Rolle im Repertoire spielt, ist mit zwei Sätzen aus den Sechs Sprüchen op. 79 vertreten, die mit ihrer Prägnanz und Klangfülle die ganze Meisterschaft Mendelssohns zeigen.
Daneben erklingen Werke weniger bekannter, aber nicht minder inspirierter Komponisten wie Karl Eduard Nössler, Max Gulbins, Richard Bartmuß, Carl Gottlieb Reißiger und Carl Josef Thiel. Mit ihrer Musik bereichern sie das adventlich-weihnachtliche Repertoire um wertvolle Facetten – von der zarten Innigkeit bis zur festlichen Strahlkraft.
So ist im Konzert ein abwechslungsreiches Programm zu hören, das die Vielgestaltigkeit der romantischen Chormusik hörbar macht: Musik, die tief in der kirchlichen Tradition verwurzelt ist und zugleich den romantischen Ausdrucksreichtum entfaltet. Die Zuhörenden erwartet eine stimmungsvolle musikalische Reise durch Advent und Weihnachten, die in den Chorwerken der Romantik ihren besonderen Zauber findet.

2027
Es möge Friede sein in deinen Mauern

Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594)
Urbs beata Jerusalem

Nicolas Gombert (~1495–~1560)
Super flumina Babylonis

Johann Joseph Fux (1660–1741)
Nisi Dominus (Psalm 127)
Beati omnes (Psalm 128)

John Broderip (1719–1770)
O Pray for the Peace of Jerusalem

Johann Christoph Pepusch (1667–1752)
Laetatus sum

Johann Philipp Kirnberger (1721–1783)
An den Flüssen Babylons (Psalm 137)
Wende dich zu mir (Psalm 25)

Peter Cornelius (1824–1875)
Drei Chöre nach Klaviersätzen von J. S. Bach op. 13
– Bußlied Warum verbirgst du vor mir dein Antlitz op. 13, 1
– An Babels Wasserflüssen, op. 13,2
– Jerusalem – Heil und Freude ward dir verheißen op. 13,3

Alphons Diepenbrock (1862–1921)
Caelestis urbs Jerusalem

Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901)
Warum toben die Heiden op. 40, 2
Frohlocket, ihr Gerechten op. 40, 5

Dieses Konzertprogramm spannt einen eindrucksvollen Bogen durch vier Jahrhunderte europäischer Chormusik – von der Renaissance bis in die Spätromantik. Im Mittelpunkt steht Jerusalem als geistliches Sinnbild für Frieden, Hoffnung und Sehnsucht. Psalmen und Hymnen erzählen von der Suche nach göttlicher Ordnung, vom Schmerz des Exils und von der Vision einer versöhnten Welt. Werke von Palestrina, Gombert, Fux, Pepusch, Kirnberger, Cornelius, Diepenbrock und Rheinberger lassen die vielgestaltigen musikalischen Traditionen Europas miteinander in Dialog treten. Klage und Trost, Bitte und Verheißung begegnen sich dabei in immer neuen Klangfarben. Der Leitvers des Abends – „Es möge Friede sein in deinen Mauern“ (Psalm 122) – verbindet die Werke zu einer eindringlichen musikalischen Meditation über Frieden: als innere Haltung, als gemeinschaftliche Hoffnung und als bleibende Aufgabe menschlichen Zusammenlebens.